Werde Sauerteigexperte – alle Fachbegriffe die du kennen musst (und was sie wirklich bedeuten)
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Sauerteig backen ist wunderbar. Aber wer zum ersten Mal in eine Sauerteig-Gruppe auf Facebook oder Reddit stolpert, denkt: Sprechen die hier eine andere Sprache? Lievito Madre, Autolyse, Hydration, Bulk Fermentation – klingt erstmal wie ein italienisch-deutsches Wissenschaftsdokument.
Keine Panik. Hier bekommst du den kompletten Überblick über alle Begriffe die echte Sauerteig-Nerds benutzen – verständlich erklärt, ohne Fachchinesisch. Danach redest du mit.
Der Starter – das Herzstück
Bevor wir zu den fancy Begriffen kommen: Alles beginnt mit dem Starter. Das ist deine lebendige Sauerteigkultur – eine Mischung aus Mehl und Wasser, in der wilde Hefen und Milchsäurebakterien leben. Ohne Starter kein Sauerteig. So einfach ist das.
Der Starter hat viele Namen:
Anstellgut – der deutsche Begriff, kurz auch „ASG" genannt
Levain – der französische Begriff, klingt edler
Madre – spanisch/italienisch für „Mutter"
Was alle meinen: dieselbe Sache. Deine kleine, blubbernde, lebende Kultur die du regelmäßig fütterst.
Lievito Madre – die Königin unter den Sauerteigen
Der Begriff den alle kennen wollen: Lievito Madre (italienisch für „Mutterhefe") ist eine besonders feste Sauerteigkultur mit niedrigerer Hydration – meist um die 50%. Das bedeutet: weniger Wasser, festerer Teig, milderer Geschmack.
Während normaler Sauerteig eher säuerlich-herb schmeckt, ist Lievito Madre deutlich milder und süßlicher. Deshalb wird sie traditionell für italienische Backwaren wie Panettone, Colomba oder Pandoro verwendet.
Klingt kompliziert? Ist es nicht. Es ist im Grunde einfach ein festerer Starter der anders gepflegt wird.
Hydration – nicht nur für Sportler
Hydration (auf Deutsch: Teigausbeute) beschreibt das Verhältnis von Wasser zu Mehl im Teig – angegeben in Prozent.
65–70% Hydration = fester Teig, leichter zu formen, gut für Anfänger
75–80% Hydration = weicher, klebriger Teig, offeneres Porenbild
85%+ Hydration = sehr weich, für Fortgeschrittene, macht was es will
Wenn jemand sagt „ich backe mit 78% Hydration" klingt das erstmal einschüchternd. Ist aber nur Mathematik: 780 g Wasser auf 1000 g Mehl.
Autolyse – die unterschätzte Ruhephase
Autolyse kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Selbstauflösung". Im Brotbacken meint man damit: Mehl und Wasser kurz vermischen und dann 20–60 Minuten ruhen lassen – bevor Salz und Starter dazukommen.
Was passiert dabei? Das Mehl quillt auf, das Gluten entwickelt sich von selbst und der Teig wird elastischer und formbarer. Weniger Kneten, besseres Ergebnis. Backen mit Köpfchen statt mit Muskelkraft.
Bulk Fermentation – die wichtigste Phase
Die Bulk Fermentation (auch: Stockgare) ist die erste lange Gehzeit des Teiges – meist 4–12 Stunden bei Raumtemperatur. In dieser Zeit arbeiten die wilden Hefen und Bakterien und der Teig wächst, entwickelt Geschmack und bekommt seine Struktur.
Zu kurz fermentiert = dichtes, flaches Brot. Zu lang = übersäuerter, zusammengefallener Teig. Die Kunst liegt darin, den richtigen Moment zu erwischen. Und der hängt ab von Raumtemperatur, Mehlsorte und deinem Starter.
Klingt schwierig – wird aber mit jedem Brot besser. Ehrenwort.
Stretch & Fold – statt stundenlang kneten
Statt den Teig klassisch zu kneten, machen viele Sauerteigbäcker Stretch & Fold (dehnen und falten). Das bedeutet: alle 30 Minuten während der Bulk Fermentation den Teig dehnen und über sich selbst falten – 4–6 Runden insgesamt.
Das stärkt das Glutennetzwerk ohne den Teig zu erwärmen oder zu überarbeiten. Klingt fancy, ist aber eigentlich nur: anfassen, ziehen, falten, drehen. Wiederholen.
Scoring – der letzte Akt vor dem Ofen
Bevor das Brot in den Ofen kommt, wird es eingeschnitten. Das nennt sich Scoring (einschneiden). Der Einschnitt ist nicht nur Dekoration – er kontrolliert wo das Brot aufreißt und wie es sich im Ofen ausdehnt.
Ein guter Scoring-Schnitt braucht eine sehr scharfe, dünne Klinge – am besten eine spezielle Bäckerklinge (Lame, gesprochen „lahm"). Ein stumpfes Messer reißt den Teig an statt ihn sauber zu schneiden.
Banneton & Gärkorb – für die perfekte Form
Der Banneton (französisch) oder Gärkorb (deutsch) ist ein Körbchen aus Rattan oder Holzschliff in dem das Brot seine letzte Gehzeit verbringt – die sogenannte Stückgare. Die Rillen des Korbes hinterlassen das typische Muster auf der Brotkruste das man von Sauerteigbroten kennt.
Krume & Kruste – Fachbegriffe für das was man isst
Krume = das Innere des Brotes, die weiche Mitte
Kruste = die äußere Schicht, beim Sauerteigbrot schön knusprig und dick
Porung = die Luftblasen in der Krume – je offener und unregelmäßiger, desto mehr Können steckt dahinter (und desto mehr Butter fällt durchs Loch 😄)
Retardierung – Brot mit Zeitschaltuhr
Retardierung oder kalte Gare bedeutet: den geformten Teigling über Nacht in den Kühlschrank stellen. Die Kälte verlangsamt die Fermentation, entwickelt mehr Aroma und macht das Brot am nächsten Morgen direkt backfertig.
Vorteil: Man backt frisches Brot zum Frühstück ohne um 5 Uhr aufzustehen. 🙌
Der finale Moment: perfekt aufschneiden
Man hat Stunden investiert, auf den Teig geschaut wie auf ein schlafendes Baby – und dann kommt der große Moment. Das Brot liegt auf dem Brett, die Kruste knistert noch leise.
Und jetzt bitte kein stumpfes Messer. 🙏
Beim Sauerteigbrot ist die Kruste hart und die Krume weich – eine Kombination die ein schlechtes Messer zum Verzweifeln bringt. Der Schnitt muss sitzen: sauber, gleichmäßig, ohne zu drücken.
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Kurzübersicht: alle Begriffe auf einen Blick

Sauerteig backen ist eine Reise – und wie jede gute Reise hat sie ihre eigene Sprache. Aber jetzt weißt du Bescheid. Das nächste Mal wenn jemand über seine 78%-Hydration-Lievito-Madre-mit-langer-Retardierung spricht, nickst du einfach verständnisvoll.